Vorweg: Das Buch fasziniert und fesselt, aber nur wenn man bereit ist, die Herausforderungen der Lektüre auf sich zu nehmen. Der Text ist brillant, grosszügig mit teils boshaften, teils liebenswürdigen Wortschöpfungen, unendlich reich an Zitaten, Fussnoten und Hinweisen auf weiterführende Lektüre, lebhaft und voller Sprünge vom Erhaben-pathetischen zum Alltäglich-banalen, vom weltoffenen und globalen Denken zum kleinräumig engstirnigen Befinden, kurz, er ist anspruchsvoll bis an die Grenzen des Zumutbaren. Wenn heute darüber geklagt wird, dass am Ende der Grundausbildung 20% der Schülerinnen und Schüler nicht einmal einfache Sätze lesen und verstehen können, dürfte Sloterdijk beweisen, dass sein Schreibstil wohl auch 95% aller kulturell gebildeten und belesenen Leserinnen und Leser extrem stark fordern und teilweise überfordern dürfte.
«Der Kontinent ohne Eigenschaften» besteht aus zwei ,Eröffnungsreden’ und sieben ,Lektionen’; in den beiden Eröffnungsreden legt Sloterdijk die Basis für seine Lektionen, und in den Lektionen verwendet er die Metapher, dass Europa ein grosses Buch sei, in das er auf Stellen, die ihm als wichtig oder repräsentativ für die Entwicklung des Gebildes ,Europa’ erscheinen, Buchzeichen setzt. Streng genommen müsste man nicht von einem ,Buch Europa’, sondern von einer ,Anthologie Europa’ reden, denn die Buchzeichen Sloterdijks befinden sich alle in selbständigen Büchern oder Publikationen, die Sloterdijk für seine Überlegungen für relevant hält.
Erste Eröffnungsrede
In der ersten Eröffnungsrede behandelt Sloterdijk die Tatsache, dass es dem Kontinent Europa, der eigentlich nicht im üblichen Sinn ein wirklicher Kontinent, sondern eher ein Anhängsel des Kontinents Asien ist, in seiner ganzen Geschichte nie gelungen ist, über sich selbst als Ganzes ein politisches oder staatliches Netzwerk von Führungsmechanismen, von Leitgedanken oder gar von ideologischem Überbau zu legen. Dabei setzt er ein Lesezeichen in Homers Odyssee, und zwar in die Episode, in der sich Odysseus beim Zusammenprall mit der Zivilisation der Zyklopen seinen Kopf mit einem Namenstrick, nämlich mit der rettenden Ausrede aus der Schlinge ziehen kann: «Niemand ist mein Name! Ich heisse Outis (d.h. niemend). Tatsächlich, ich bin kein anderer als Niemand – so nannten mich Vater, Mutter, und all meine Gefährten.» (Seite 13) Sloterdijk sieht darin das prototypische Verhalten der Europäer, die sich auch heute noch immer wieder aus der ,Weltgeschichte’ in die Niemandsposition zurückziehen.
Ein provisorisches Fazit zieht er auf Seite 19: «Was wir hier aus Gründen praktischer Vereinfachung «Europa» nennen, stellt ein überaus kompliziertes, vielfach zusammengesetztes Gebilde von einiger zeitlicher Tiefe dar. Je nach Temperament und Schule lässt man es mit dem Sieg der Griechen in den Perserkriegen beginnen oder mit der Krönung Karls des Grossen oder mit dem Ausgriff iberischer Seefahrer auf den Atlantik und der schicksalhaften Entdeckung seiner anderen Küste. Die Wortführer dieses politisch-zivilisatorischen Gebildes werden, wie eben bemerkt, seit einer Weile durch Ausreden auffällig, was ihrem «Identität» betrifft, auch tun sie sich vielfach durch Nekrologe und Betrachtungen in aprèsludischer Stimmung hervor. Ja, dieses Merkmal lässt sich seit geraumer Zeit in die Bestimmung der ,Sache selbst’ einbeziehen.»
Die Quintessenz dieser ersten Eröffnungsrede ist , dass wir heute in Europa leben, «in dem stark kompromittierten Teil der Welt, wo jedem Versuch des Neubeginns die Lasten einer überschweren Geschichte zuvorgekommen sind. Wer sich in solcher Lage der Aufgabe, Europa neu zu denken, zuwendet, muss wissen, es wird darum gehen, Begriffe für ein politisches und kulturelles Novum zu bilden, dessen Existenz unter grossen und unbekannten Vorzeichen steht: Begriffe für einen Kontinent ohne Eigenschaften.» (Seite 27)
Ich habe hier nur einige wenige Rosinen aus Sloterdiks Eröffnungsrede herausgepickt, um meine Leserinnen und Leser auf den Geschmack zu bringen. Lesen sie selbst – es lohnt sich, trotz allen Anstrengungen, die zu überwinden sind.
Zweite Eröffnungsrede
Einleitend befasst er sich mit dem Begriff ,Kontinent’; er zeigt, dass schon rein sprachlich der Begriff deplatziert verwendet wird, dass das Wort ,continens’ einen ,Behälter’ meint (am deutlichsten kommt dies zum Ausdruck im englischen ,container’); also im ursprachlichen Sinn sind es die globalen Meere, die zusammenhängende Landmassen umfassen oder enthalten; die Behälter sind also die Meere, und das, was wir Kontinente nennen, sind die Inhalte («vom Meer umspülte Zusammenhänge aus Böden und Populationen», Seite 31).
Im Zentrum der zweiten Eröffnungsrede steht als roter Faden die These, dass die ganz Entwicklung Europas, einschliesslich seiner früheren Kolonie Nordamerika, und einschliesslich der Nachfolger des früheren Ostroms, von der Leitidee des römischen Imperiums geprägt ist. Er stellt fest und begründet dies überzeugend, dass der Begriff ,Westen’ letztlich nur dem Umstand zu verdanken ist, dass das damit bezeichnete Gebilde eben ,ohne Eigenschaften’ ist, und dass der Begriff vernebelt, dass Europa in der Welt kaum mehr etwas zu sagen hat. Denn – bis heute – stehen hinter dem Begriff ,Westen’ als entscheidende und führende Macht die USA. Sloderdijk betont zwar die Unsicherheit, welche die Zukunft dieses Zustands in Frage stellt, verzichtet aber wohlweislich darauf, eine Prognose zu machen. Siehe dazuma8ch Besprechung 2025-01, «How the World Made the West» von Josephine Quinn.
Der Kern von Sloterdjiks These ist auf Seite 37 verdichtet: «Aus dramaturgischer Sicht ist Europa das Wirkungsgebiet von Re-Inszenierungen römischer Befehlssysteme. Aus diesen sind – mit einer Verspätung von eintausend Jahren und mehr – die meisten europäischen Staaten hervorgegangen, zumeist als ,Nationalstaaten’ aufgemacht, mit der Helvetischen Konföderation als bedeutsamer Ausnahme. Sie stellen politische Systeme dar, die dazu verurteilt sind, früher oder später auf ihre Weise zu erfahren, was schon in alten Tagen das römische Dilemma war: die imperiale Überdehnung – wobei sich zeigt, dass auch Nationalstaaten für Überdehnungen anfällig sind. Von der Augustuszeit an war das italienische Kernland befugt, befähigt, willens und genötigt, über Probleme zu entscheiden, die es sich infolge seiner hybriden Ausdehnung nach Syrien, Palästina, Ägypten, Nordafrika, Spanien, Gallien, Germanien und Südbritannien zugezogen hatte. Das Konzept ,Imperium’ implizierte auf der Höhe seines Erfolgs das Programm ,Befehl ohne Grenzen’, von dem man ohne Erläuterung versteht, warum es an sich selbst scheitern musste.»
In sehr knappen Abschnitten rekapituliert Sloterdijk die Genese der europäischen Staaten, ihre Art und Weise der Nachahmung der Entfaltung des römischen Imperiums, ihre Aus- und Überdehnung in die Kolonien in Lateinamerika, Afrika und Asien, die Entstehung der europäischen Union und deren Entwicklung und Erweiterung zur Europäischen Gemeinschaft bis zum Brexit-Trauma. Eine besondere Rolle spielt dabei die Französische Revolution.
Der Text Sloterdijks ist gespickt mit Anspielungen und Assoziationen – er lässt sich nicht sinnvoll zusammenfassen; zu viel an Weisheit und Originalität würde dabei verlorengehen. Also bitte: selber lesen!
Die sieben Lektionen konzentrieren sich je auf eines von sieben Büchern oder Essays (deshalb ,Lesezeichen’), die sich zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichen Gesichtswinkeln mit der Idee Europa befassen; jeder Lektion, beziehungsweise jedem der Lesezeichen ist ein separates Kapitel gewidmet. Die Publikationen haben einen unterschiedlichen Bekanntheitsgrad und Stellenwert. Manche waren zu ihrer Zeit von brennender Aktualität, sind aber weitgehend in Vergessenheit geraten und werden jetzt von Sloterdijk wieder wachgeküsst; manche haben aber auch eine eher geringe Bedeutung. Die Titel jeder Lektion sind ein Schlüssel zum deren Inhalt; die pro Lektion zitierten Bücher (im Sinne von Sloterijk) sind:
Lektion 1: «Die Grande École der Welt: Europa als Lernzusammenhang», das zitierte Buch: «Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch» von Jacob Burckhardt, 2018
Lektion 2: «Out of Revolution: Wie ein deutscher Historiker den Europäern ihre Autobiografie schreibt»; zugrundeliegendes Buch: «Out of Revolution – Autobiography of Western Man» von Eugen Rosenstock-Huessy, 1938
Lektion 3: «Geschichte a priori: Das Buch der Endspiele – Spenglers Prophezeiung und wie sie sich erfüllte», Lesezeichen «Der Untergang des Abendlandes – Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte» von Oswald Spengler, 1918»; einschliesslich Teil 2: «Welthistorische Perspektiven», 1922
Lektion 4: «Dire vrai sur soi-même – Das europäische Buch der Geständnisse»; zitiertes Werk: Vorlesungsreihe von Michel Foucault an der Universität von Toronto, 1982
Lektion 5: «Geht, setzt die Welt in Brand – Aus dem Buch der Ausdehnungen»; hier, d.h. bei der Behandlung der Ausdehnung Europas in der Epoche des Kolonialismus bis in die Neuzeit verwendet Sloterdijk nicht ein einzelnes Werk als Lesezeichen, sondern eine Vielzahl von Einzelzitaten von Loyola bis Arendt
Lektion 6: «Lose Fische – Von Schiffen, Globen und überzähligen Söhnen»; auch in dieser Lektion verwendet Sloterdijk kein einzelnes Buch als Lesezeichen; er verwendet und zitiert vielmehr zahlreiche Einzelpersönlichkeiten, welche die postkoloniale Entwicklung Europas geprägt haben; als besonders repräsentativ dafür stellt er in den Vordergrund die Persönlichkeit von Cecil John Rhodes (1853 bis 1902; Aufstieg schon in jugendlichem Alter in British South Africa, Diamantenschürfer und Goldsucher, Beherrscher des Weltmonopols der Diamanten- und Goldindustrie, Premierminister der Kapkolonie), den er so charakterisiert: «Rhodes gehörte zu den Unternehmerfürsten des späten 19. Jahrhunderts, für welche die ökonomische Bereicherung nur ein Vorspiel zu höheren Ermächtigungen bedeutete»
Lektion 7: «Get a-way, you old peoples! – Aus dem Buch der Gegenstimmen, Europa im Akkusativ»; in dieser Lektion setzt sich Sloterdijk damit auseinander, wie Europa sein Monopol, die Welt insgesamt eurozentrisch zu betrachten, verliert; auch hier verwendet er als roten Faden nicht ein einzelnes Buch als Lesezeichen, sondern zahlreiche Einzelpersonen (aus allen Sparten der Wissenschaft, Politik und Kultur) und deren Beobachtungen; es ist eine Illustration seines Gleichnisses, dass wir Europäer lange so taten, «als ob eine geographisch stark zerklüftete Weltgegend, ein Vorgeb9rge Asiens, das man zu Unrecht einen Kontinent nannte, ein sich selbst schreibendes Buch sein könnte – ein Buch, dessen Leser seine Bewohner sind und dessen Lektorat gelegentlich von Generälen, Kapitänen und gekrönten wie ungekrönten Megalomanen beiderlei Geschlechts übernommen wurde.» (Seite 257)
Sloterdijks Buch ist für Europa sowohl ein Appell als auch eine Anleitung zu grösserer Bescheidenheit und Offenheit gegenüber aussereuropäischen Sichten und Empfehlungen.