Mein demnächst 16-jähriger Enkel Marc-Andri, der gegenwärtig (noch) in Kenia lebt, hat mir dieses Buch zu Weihnachten 2025 geschenkt. Das Buch hat mich aus verschiedenen Gründen gefesselt: Ich habe Südafrika (sowie Namibia und Botswana) noch zu Apartheid-Zeiten kennen und – trotz Apartheid – lieben gelernt. Natürlich hatte ich nie irgendwelche engen Kontakte zur schwarzen oder farbigen Bevölkerung. Aber meine enge Freundschaft mit der südafrikanisch-burischen Familie van Dyk, meine intensive Beschäftigung mit der in den 1980-er Jahren intensiv geführten Auseinandersetzung mit der politisch-gesellschaftlichen Situation der Region und insbesondere die Lektüre, mit der ich mich zur Vorbereitung der ersten Reise in die Region (u.a. The Covenant von James A. Michener) über die Geschichte sowie das Land und die Leute informieren wollte, haben mir eine sehr gute Vorstellung von der Rolle der Apartheid vermittelt.
Der erste Schwarze, der mir bei einem Halt in der namibischen Wildnis unvermittelt von hinter einem Gebüsch entgegengekommen ist und mich freudestrahlend mit «Mahlzeit» begrüsst hat; oder die zahllosen in ganz Südafrika verbreiteten «Net Blankes»-Schilder (Whites Only); oder die Einladung eines indischen Restaurantbetreibers aus dem Hafenbereich von Durban zu sich nach Hause und das Privileg zu erleben, wie die Hierarchie der nichtweissen Bevölkerung von schwarz zu indisch in familiären Umfeld gelebt wurde, bleiben mir in unauslöschlicher Erinnerung.
Aber all das ist nichts im Vergleich zu den Einblicken in das Leben der nichtweissen Bevölkerung, welche die autobiographischen Geschichten von Trevor Noah vermitteln.
«Born a Crime» ist eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten von Trevor Noah; er ist Sohn einer Angehörigen der schwarzen Stammesgemeinschaft der Xhosa und eines Schweizer Einwanderers, also einer Verbindung, die gemäss den Apartheid-Gesetzen ein Verbrechen war. Seine ersten Lebensjahre verbringt er mit seiner alleinerziehenden Mutter (sein weisser Vater darf nicht zusammen mit seiner Familie leben) im heutigen Grossraum Soweto, südwestlich von Johannesburg. Wegen seiner Mutter gilt er als rassisch schwarz, wegen seiner fast weissen Hautfarbe als weiss, oder bestenfalls farbig (,colered’) – was nochmals ein Verbrechen oder eine Straftat ist, denn für jede rassische Gruppe sind verbindlich separate Wohngebiete ausgesondert. Nach der Freilassung von Nelson Mandela 1990 und der Abschaffung der Apartheid werden diese gesetzlichen Einschränkungen zwar aufgehoben, aber das in allen südafrikanischen Köpfen tief eingegrabene rassische Denken lebt lange darüber hinaus weiter und führt dazu, dass der junge Trevor nirgends so richtig zuhause ist. Noah beschreibt dies sachlich-deskriptiv; er verzichtet völlig auf eine Täter-Opfer-Sicht. Im Gegenteil, er behandelt nicht nur die zwischen ,Weiss’ und ,Nicht-Weiss’ bestehenden Gegensätze, sondern auch die traditionellen und teilweise Jahrhunderte lang gewachsenen Spannungen und Hierarchien zwischen diversen innerschwarzen Stammesgruppen (siehe beispielsweise die auch heute noch andauernden Feindseligkeiten zwischen Xhosa oder Zulu in der südafrikanischen Politiklandschaft), oder zwischen schwarzen und farbigen oder zwischen indischen, schwarzen und farbigen Volksgruppen.
Der rote Faden von Noahs Erinnerungen ist die Erziehung Noahs durch seine Mutter und ihre Lebensleitlinien: Du bist immer dafür verantwortlich, was Du aus dir machst; suche nie die Schuld bei anderen; wenn ich Dich für etwas bestrafe, dann aus Liebe, nicht aus Bosheit, und um Dich daran zu erinnern, dass es auf Dich ankommt, und auf niemand anderes.
Trevor Noah hat sich nach einer eher typischen Township-Zeit als Kleinkrimineller in Südafrika zum erfolgreichen Comedian entwickelt und ist 2011 in die USA ausgewandert. Heute ist er ein bekannter und erfolgreicher Comedian, Host von landesweit viel beachteten Late Night Shows (sieben Jahre «The Daily Show»), und er moderierte sechsmal die Verleihung der Grammy Awards; ausserdem publiziert er seinen eigenen Podcast.
«Born a Crime» schildert seinen alles andere als geradlinigen Werdegang bis zum Aufstieg als Comedian. Es gelingt ihm, seine Erlebnisse so zu erzählen, dass immer wieder die Lebensleitlinien seiner Mutter durchschimmern. Darüber hinaus schreibt er einen humorvollen, ironischen, selbstkritischen und nie anklagenden Stil, der einen als Leser immer wieder schmunzeln lässt. Das Buch ist ein echtes Lesevergnügen und erzeugt – wenn auch im Nachhinein – ein tiefes Verständnis für die Welt und Kultur der Apartheid, aber auch in die Welt des Staates Südafrika, der wohl so multiethnisch ist wie kein anderer.
Aber in erster Linie ist «Born a Crime» eine Hommage an Noahs Mutter Patricia. Sie brachte es fertig, in einer Zeit, in der ein Leben mit Rückgrat fast undenkbar war, allen Widrigkeiten der Apartheid und der innerafrikanischen Gegensätze und Spannungen zum Trotz, aufrechten Ganges zu gehen und sich treu zu bleiben.
Der Schlusssatz des letzten Kapitels des Buchs, in dem Noah allen, die ihn bei seinem Buchprojekt unterstützt haben, lautet: «And, finally, for bringing me into this world and making me the man I am today, I owe the greatest debt, a debt I can never repay, to my mother.»
«Born a Crime» ist ein unglaublich grosser Gewinn und riesiges Lesevergnügen, und ein bewundernswürdiges Denkmal für eine Frau, die es unter widrigsten Umständen fertigbrachte, sich selbst und ihrem Sohn ein würdiges Leben zu ermöglichen, und damit beweist, dass jedermann und jedefrau immer selbst dafür verantwortlich ist, was er oder sie aus sich macht.
Danke, Marc-Andri, für Dein Buchgeschenk.