Steinflut – Eine Novelle (BTB Taschenbuch 2011)

Steinflut – Eine Novelle (BTB Taschenbuch 2011)
Franz Hohler, 2026-01
Franz Hohler beschreibt aus der Perspektive der frühreifen siebenjährigen Katharina die letzten zwei Tage vor dem Elmer Bergsturz (1881). Dabei schildert er trocken und konzis, wie die Menschen des hinteren Teils des Kantons Glarus in der Gegend von Ems im Sernftal gelebt haben. Im Vordergrund stehen die Familien von Katharina und von deren Grossmutter, die in Mehrgenerationengemeinschaften am Fuss der Berghänge über dem Tal der Sernf gewohnt haben. Die Eltern von Katharina betreiben die Wirtschaft «Zur Meur» am Plattenberg, wo Schiefer abgebaut wird. Die Mutter ist hochschwanger und erwartet fast stündlich die Geburt ihres sechsten Kindes; die Hebamme ist bereits zu ihr unterwegs. Katharina, das zweitjüngste Kind der Familie wird mit ihrem jüngeren vierjährigen Bruder Kaspar während den Tagen der bevorstehenden Geburt zu ihrer Grossmutter in der «Bleiggen», am gegenüberliegenden Hang, geschickt, weil die beiden zu jung sind, um mit dem Drum und Dran einer Hausgeburt richtig umgehen zu können. En passant bekommen Leser und Leserinnen mit, wie die Glarner Bergbevölkerung gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelebt und gedacht hat. Das alles zeichnet Hohler in knappen, aber kräftigen und nachvollziehbaren Strichen. Er glänzt sowohl mit wunderschönen Detailbeobachtungen als auch mit grossen Zügen, wenn es beispielsweise um den Schulalltag geht. Hohler wertet und beurteilt nichts, er schildert einfach alles so, wie es in etwa war.
Die eigentliche Geschichte besteht darin, wie die kleine Katharina selbständig mit ihrem noch kleineren Bruder den Weg zur Grossmutter meistert, während einerseits ein Gewitter die Bergwelt schüttelt und verdonnert, und anderseits der Plattenberg immer wieder durch das Grollen herunterrollender Felsbrocken erzittert.
Die Aufnahme der beiden Kinder durch ihre Grossmutter ist eine für Katharina völlig neue Erfahrung: sie spürt, dass einem Kind wie sie nicht nur auf die strenge und präskriptive Art ihrer eigenen Eltern begegnet werden kann, sondern auch auf die gütige, verständnisvolle und tolerante Art ihrer Grossmutter. Während ihres kurzen Aufenthalts bei ihrer Grossmutter nehmen die beängstigen Geräusche vom Plattenberg immer mehr zu, erhöhen die Gespräche ihrer Onkel sowie die Bezüge auf die vor und nach der sonntäglichen Begegnung geäusserten Sorgen der Dorfbevölkerung über die Drohungen des Plattenbergs zu. Das plötzliche Auftauchen von Büsi, der Hauskatze vom «Zur Meur» sowie die unerklärliche Zuflucht von zwei Hühnern aus einem Plattenberggehöft verunsichern Katharine immer mehr.
Deswegen kann die Nachricht, dass ihre Mutter ihre schwere Geburt überstanden habe, und dass ihr Kind, also ihre neue jüngste Schwester wohlauf sei, und dass sie mit ihrem Bruder Kaspar wieder in ihre Familie zurückkommen soll, gar nicht richtig erfreuen.
Sie weigert sich schliesslich und lässt Kaspar allein mit Ihrer Grossmutter in die «Meur» zurückgehen.

Hohler beschliesst seine Novelle mit einer Kakophonie von beänstigenden Berggeräuschen. Er lässt offen, was da tatsächlich vor sich gegangen sein könnte; anders gesagt, er überlässt es seinen Lesern und Leserinnen, von denen er selbstverständlich annimmt, dass sie eine mindestens vage Kenntnis vom Emser Bergsturz haben, sich eine eigene Vorstellung davon zu machen, was da wohl passiert sein könnte. Das ist löblich, wird aber dadurch entwertet, dass er schon im ersten Satz der Novelle erwähnt, dass Katharina beim Verlassen der «Meur» beziehungsweise bei ihrer Ankunft bei ihrer Grossmutter noch nicht weiss, dass sie diese erst bei ihrer Heirat erstmal wieder verlassen wird.

Die Geschichte ist rührend und berührend, streift aber gelegentlich die Grenze zum Kitsch, ist aber wegen ihrer realistischen und plastischen Beschreibung des Lebens der Menschen im alpinen Raum des späten 19. Jahrhunderts unbedingt lesenswert.